
Kein gewöhnliches Leben

Der herbstliche Martinimarkt steht an. Überall sind
Kirchweihen im Gange. Die Jugend rottet sich zu fröhlichen Gruppen zusammen
und stürmt die Tanzbühnen bis hinauf nach Wädischwyl. Von Vätern
ausgeliehene Fuhrwerke tragen die singende Jugend zu den Orten, wo es etwas
zu festen gibt. Trüb hat Lone einen Tag frei gegeben. Glücklich mischt sie
sich unter die Gleichaltrigen und tanzt ausgelassen, ohne sich näher auf
einen bestimmten Burschen einzulassen. Leni hat es ihr zu Genüge
eingeschärft.
„Pass auf, mein Schatz, dein Ruf ist schneller dahin,
als du denkst. Ich rede aus Erfahrung.“
Ein paar Burschen wagen sich trotz Trine wieder ans
Fenster der bildhübschen Apollonia. Ziehen aber unverrichteter Dinge ab.
Keiner von ihnen hat es dem Mädchen angetan. Lenis Warnung und der erlebte
nächtliche Überfall haben sie Vorsicht gelehrt. Am wohlsten fühlt sie sich
in Gruppen, die ihr weitgehenden Schutz vor Übergriffen bieten und bei denen
sie ihr junges Temperament ausleben kann.
Jeden Herbst bringt auch der Wümmet das Dorf nochmals in
Feststimmung. Die Leute wollen den jungen Wein kosten und trinken wacker
über den Durst. Trüb lässt Lone vorsichtshalber hinter dem schützenden
Schanktisch arbeiten und serviert selber.
*
Auch auf den Weinbauernhöfen herrscht heitere Stimmung.
Beim „Krähhahnen“, nach Abschluss der Weinlese, bewirten die Weinbauern ihre
Angestellten traditionell mit Suppe, Fleisch Gemüse, Rauchwürsten, Kabis und
Hamme. Dazu fliesst der Wein in Strömen. Beim ersten Hahnenschrei findet das
Fest sein Ende, um dann am darauffolgenden Sausersonntag mit Tanz und
Maskentreiben nochmals aufzuflackern. Mägde vergessen kurzzeitig Mühsal und
harte Arbeit bei der ungewohnt üppigen Speise und dem verlockenden Trank.
Das Blut strömt heiss durch die Adern. Scheunen und Gebüsche werden zu
raschelnden Liebesnestern. Pärchen wispern sich Torheiten in die Ohren, die
anderntags bereits wieder vergessen sind. Es ist immer das gleiche Lied.
Monate später verlieren Mägde ihre Stellen, werden mit dicken Bäuchen vom
Hof gejagd. Einem elenden Leben in Armut und Krankeit ausgesetzt. Die
Knechte hingegen kommen ungeschoren davon. Wie soll die Gefallene schon
beweisen, welcher von ihnen der Vater des Kindes ist. Im Wirtshaus wird dann
über die leichtsinnigen Weiber hergezogen. Nie soll mir das passieren,
schwört sich Lone jedesmal, wenn sie während der Arbeit Zeuge solcher
Beschimpfungen wird.
Auch Brügger Schaggi torkelt in früher Morgenstunde,
gestützt von Luise, beseligt heimwärts, nachdem sie bei seiner Schwester
Emmeli im Gugger zum „Krähhahnen“ eingeladen worden waren und er dem Wein
kräftig zugesprochen hatte.
Auf der Höhe des Widmerhauses stutzt Luise und hält
ihren angeheiterten Mann zurück. Im Türrahmen der offenen Türe steht eng
umschlungen ein Paar.
„Guten Tag miteinander“, flötet sie anzüglich.
Erschrocken fahren die beiden auseinander. Es ist Ruoff,
der sich von Leni verabschiedet. Ausgerechnet die müssen daher kommen,
ärgert sich Leni und Ruoff versucht sich in einem Scherz: „Tag Schaggi, ist
wohl früh geworden bei euch?“
Unter Cowboys
Rodeo-Time

Der Wolf
Ein seltsamer junger Mann war bei Jim aufgetaucht. In Lumpen gekleidet, zu Fuss, mit einem Bündel über der Schulter sei er dahergekommen, erzählte dieser. Das Verrückte daran sei, dass sich in seinem Gefolge eine ausgewachsene Timberwölfin befände. Sue und ich rätselten, wer er sein mochte, und konnten es nicht lassen, nachzuschauen, wo er sich gerade befand. Uns faszinierte vor allem die Botschaft, dass er einen richtigen Wolf mit sich führen soll.
Mitten auf dem Heufeld stand er und verlangte den Boss zu
sprechen. Rein zufällig hatten wir dort mit unseren Nachforschungen begonnen.
Sofort verwickelten wir ihn in ein Gespräch. Die Schönheit der mächtigen
silbernen Wölfin verschlug mir die Sprache. Misstrauisch musterte das Tier mich
mit seinen unergründlichen bernsteinfarbenen Augen, so dass mir ganz beklommen
zumute wurde. «Darf ich sie streicheln?», fragte ich den Mann. Ein der Wölfin
gar nicht unähnlicher, aber menschlicher Blick streifte mich kurz, dann sagte
der Mann etwas zu ihr und erlaubte mir daraufhin, sie zu berühren. Ehrfürchtig
strich ich ihr über den Rücken und erkundigte mich nach ihrem Namen. <Lost>,
heisse sie, erklärte er mir. Das fand ich sehr seltsam, denn <lost> bedeutet
<verloren>. «Wie kommst du auf solch einen traurigen Namen?», wollte ich wissen.
Ein Seufzer begleitete seine Antwort: «Ach, weisst du, weil die Wölfe auf
unserem Planeten alle verloren sind, der Ausrottung preisgegeben. Gegen das
böseste aller Raubtiere, den Homo sapiens, haben Wölfe keine Chance.» Dazu
blickte er mich mit traurigen Augen an. «Eines Tages», redete er weiter, «wird
der Mensch dafür bezahlen!» Nach einer Pause: «Dann wird es aber zu spät sein!
Viel zu spät.» Fasziniert starrte ich dem Sprecher in die Augen und versuchte
sein Alter zu ergründen, was schwierig war angesichts seines leicht ergrauten,
struppigen Vollbarts. Der Stimme und auch seinen Händen nach konnte er nicht alt
sein.
Eine tiefe Traurigkeit erfasste mich, über die Sue nur lachte,
als ich es ihr später sagte. «Laura!», rief sie tadelnd, «denk doch mal nach,
Wölfe haben hier keinen Platz mehr, sie fressen uns die Kälber weg!»
Schliesslich meinte sie achselzuckend: «Dieser Typ spinnt doch eindeutig,
vergiss ihn.»
So wanderte der Fremde weiter Richtung Dans und Ellys Haus.
Erleichtert vernahm ich etwas später von Elly, dass Dan das seltsame Gespann für
ein Weilchen aufgenommen habe und dass er den Mann irgendwie beschäftige, obwohl
er eigentlich gar keine Hilfe benötigt hätte. Er futterte die beiden mageren
Gestalten ein wenig auf und schenkte ihnen vermutlich das Wertvollste:
Vertrauen! Mich berührten die zwei einsamen Wanderer, von denen eine Art
Melancholie ausging, die mir unter die Haut ging. Liebend gerne hätte ich mehr
von ihnen erfahren. Von diesen zwei Wesen, die so gar nicht mehr in unsere kalte
Welt, wo hauptsächlich Profit das Sagen hat, passten.
Ein paar Tage später berichtete Dan, dass Mann und Wolf
während der Nacht, ohne Abschied, verschwunden seien. Ohne irgendwelche Spuren
zu hinterlassen. Als wären sie nie da gewesen.

Humpel-Charly und die Indianer
Charly war
ein alter Cowboy, der ab und zu auf der Bear Valley Ranch aufkreuzte, um ein bisschen Geld zu
verdienen, und war einer von denen, die ihr eigenes Pferd mitsamt Transporter mitbrachte.Wie und wo er wirklich lebte, wusste niemand in dieser Gegend. Er
tauchte auf und verschwand wieder. Sein Hinken war für uns alle ein Rätsel. Sven
behauptete, er habe es im Zweiten Weltkrieg in Europa eingefangen. Andere
behaupteten, es sei angeboren. Als ich Charly danach fragte, wich er mir mit
finsterem Gesicht aus und machte damit deutlich, dass er nicht darüber reden
wollte und mich das einen Dreck anginge. Meine Neugierde nervte ihn, glaube ich,
ziemlich. Wir alle mochten ihn gerne. Gian schätzte ihn als zuverlässigen Mann
für fast alles. Trotz seinem Gebrechen ritt er, ähnlich wie Sven, als wäre er
auf dem Pferderücken geboren. Kam dazu, dass er für einen Cowboy erstaunlich
zart mit Tieren umging. Sven und er mussten ungefähr im gleichen Alter sein, so
um die sechzig oder etwas darüber. Sie kamen gut miteinander aus. Ich vermutete
sogar, dass Sven haargenau über Charly Bescheid wusste, aber seinem Freund
zuliebe dicht hielt. Auf jeden Fall war Charly jedes Mal, wenn er auf der Ranch
auftauchte, allseits hochwillkommen.
Andy versprach mir, mich demnächst einmal zu einem Indianerball ins Reservat mitzunehmen. Dazu liess ich mich natürlich nicht zwei Mal bitten, denn ich war noch nie im Reservat. Alleine würde ich mich auch gar nie hinwagen. In männlicher Begleitung aber war es zu verantworten. Das erlebte man sicherlich nicht jeden Tag.
Heute war es so weit. Ich
schlug vor, dass wir in meinem Auto fahren würden. Andy hatte ja kein eigenes.
Und Gian fragen, ob wir den Jeep haben könnten, wollten wir beide nicht, weil
wir genau wussten, dass für Gian das Gefährt auf die Ranch gehört und nicht für
Ausflüge an Partys verwendet werden soll. Kein Problem für uns. Ich hatte ja
jetzt mein eigenes, wenn auch nicht immer zuverlässiges Fahrzeug.
Schmalzige Westernmusik schepperte uns aus einer so genannten <Halle> entgegen, die mir eher wie eine riesige Bretterbude vorkam. Rülpsende Gestalten wälzten sich draussen im Gras herum. Zweifellos handelte es sich um besinnungslos Besoffene. Mein anfänglicher Enthusiasmus schwand zusehends. «Gehen wir wirklich da hinein?», fragte ich Andy schockiert. «Ja, was denn sonst?» Der markierte natürlich den Helden, und er schob mich vor sich her durch eine Mauer von Zigarettenqualm mitten ins festliche Treiben. Verunsichert hielt ich mich möglichst nahe an seiner Seite oder hart hinter ihm. Man wusste ja nie. Den Wänden entlang zogen sich schmale Holzbänke. Indianermädchen in aufreizenden Kleidern drückten sich darauf herum und hielten kichernd nach allfälligen Tänzern Ausschau. Die Hälfte davon wirkte ungepflegt und ebenfalls alkoholisiert. Pärchen knutschten in den Ecken herum, in einer Weise, die mich selbst als aufgeklärte Europäerin verlegen wegblicken liess. Nachdem ich mich an den Qualm einigermassen gewöhnt hatte, erblickte ich auch ein paar Weisse, was mich erst einmal etwas beruhigte. Viele Paare tanzten eng umschlungen. Kaum hatten wir uns mit je einer Dose Bier an einem Tisch niedergelassen, entdeckte Andy am andern Ende des Saales ein Mädchen, dem, wie er mir grinsend erklärte, der Ruf anhing, in einschlägigen zwischenmenschlichen Belangen ziemlich freizügig und überhaupt nicht wählerisch zu sein. Sagte es, stach los und verschwand mir nichts, dir nichts. Ich geriet in helle Panik, in absolute Alarmbereitschaft und verpasste Andy im Geiste alle möglichen Übernamen, wie zum Beispiel brünstiger Ziegenbock, blöder, unmöglicher, unanständiger Dreckskerl! Liess mich dieser Spinner doch einfach inmitten all dieser besoffenen Indianer sitzen. Und setzte mich damit sämtlichen Gefahren aus, die hier von allen Seiten auf mich neugieriges dummes Ausländerhuhn lauerten. Vor denen mich Sue und auch Gian mindestens hundert Mal schon gewarnt hatten. «Nur keine Furcht zeigen, sonst bist du verloren>, redete ich mir ein, dabei klopfte mein Herz bis zum Hals hinauf. Betont unbeeindruckt versuchte ich herumzuschauen und probierte gleichzeitig, mich möglichst klein zu machen. Zwei lallende Indianerburschen hatten mich offensichtlich bereits im Visier. Lange würde es nicht mehr dauern und ich würde mich gezwungen sehen, mindestens mit einem von ihnen zu tanzen. Weigerte ich mich, waren sie beleidigt und wurden vermutlich gewalttätig. Eine Weisse, die Indianer beleidigt, war nicht sehr geschätzt hier. Verzweifelt schaute ich mich nach Rettung um. Die, oh Wunder, in Gestalt von Humpel-Charly wie ein Lichtschein im Dunkeln auftauchte. Ähnlich einer Ertrinkenden auf den Rettungsring stürzte ich mich auf ihn und flehte ihn buchstäblich an, mit mir zu tanzen. Seinen Klumpfuss hatte ich in diesem Moment einfach vergessen.
Etwas erstaunt erwies er mir den Gefallen. Tanzen konnte man
unser Gehopse zwar kaum nennen, aber immerhin fühlte ich mich beschützt, und das
war mir in diesem Moment tausend Mal wichtiger als jede perfekt hingelegte
Polka. Scheu fragte ich ihn, ob er mich vielleicht heimfahren könne, und hoffte,
dass meine Panik nicht allzu offensichtlich war. Der gute Kerl willigte sofort
ein. Ausser sich schimpfte er mit mir: «Wie um alles auf der Welt kommst du
überhaupt hierher? Das ist doch kein Ort für ein anständiges Mädchen! Hier leben
weisse Girls gefährlich. Wusstest du das denn nicht?» Beschämt gab ich zu, dass
man mich mehrmals gewarnt hätte. Aber dann drehte ich die Stimme wütend auf und
erzählte ihm, ich sei ja gar nicht alleine hergekommen. Ich sei mit dem
verdammten Schweizer von der Bear Valley hier, aber der habe sich mit einer
Indianerin ins nächste Gebüsch abgesetzt. Entsetzt schüttelte Charly sein graues
Haupt. Dennoch wurde ich das peinliche Gefühl nicht los, dass er über die
Geschichte von Andy und dem Mädchen auf den Stockzähnen grinste. Vielleicht
spielte da die berühmte Männersolidarität mit.
Von Andy gab es weiterhin
weit und breit keine Spur. Dabei hatte der unselige Lümmel meine Autoschlüssel
bei sich. Am Ende knutscht er in meinem Auto herum. Tolle Vorstellung. Morgen
werde ich die Kiste vorsichtshalber gründlich putzen, nahm ich mir vor.
Hoffentlich soff ihm auf dem Heimweg der Motor ab. Ich wünschte ihm von ganzem
Herzen eine endlos lange Panne, einen Kälteeinbruch, vielleicht vorher noch eine
Tracht heilsamer Prügel von einem der besoffenen, eifersüchtigen Typen.
Charly, ganz Kavalier,
brachte mich in seinem alten, klapperigen Truck sicher und schnell zur Ranch.
Höflich eilte er ums Vehikel herum, öffnete mir galant die Türe und
verabschiedete sich dann mit einer Verbeugung, die jeden englischen Gentleman
beschämt hätte. Vor lauter purer Dankbarkeit musste ich mich zurückhalten, ihn
nicht zu küssen. Meine Erleichterung, dank ihm in Sicherheit zu sein, war
gigantisch. Nicht vorzustellen, was ohne sein Auftauchen mit mir alles hätte
passieren können. Mein Bedarf an Indianerbällen war vorerst eindeutig gedeckt.
Eine Woche später kam Sue
ganz aufgeregt angerannt und teilte mir mit, Charly habe offiziell bei ihr um
meine Hand angehalten. Ihr sei fast der Atem weggeblieben. So diplomatisch wie
möglich habe sie ihm erklärt, dass das nicht ginge, weil ich bald wieder in die
Schweiz zurückkehren müsse. Das habe er dann, wenn auch mit Bedauern, sehr
verständnisvoll aufgenommen. Du lieber Himmel! Guter alter Charly! Fast tat er
mir leid. Sue und Gian zogen mich noch wochenlang auf mit meinem verschmähten
Bräutigam. Ich glaube, Gian redete Andy ziemlich deutlich ins Gewissen. Immerhin
hatte der mein Auto unversehrt zurückgebracht. Leider für einmal ohne Panne. So
ungerecht war das Leben manchmal.
Der Kamelhengst
Erschrocken schiesst
Angie hoch, springt aus dem Bett und greift nach den auf dem Boden
verstreuten Kleidern.
„Was war das?“, fragt Heiner nervös.
„Micky! Sie
ist unten.“
„Das darf ja nicht wahr sein, was tut sie hier? Hast du nicht
gesagt, sie sei heute den ganzen Tag weg?“
„Ja, so war es vereinbart. Ich
weiss auch nicht, warum sie jetzt plötzlich auftaucht. Ich schau mal nach,
vielleicht hat sie was vergessen.“
Als Angie keine Anstalten macht, sich mit
dem Ankleiden etwas zu beeilen, wird Heiner, der bereits in seiner Hose
steckt, ungehalten.
„Verdammt noch mal, auf was wartest du noch? Beeil dich
ein wenig, geh nach unten, lenke sie ab, damit ich ungesehen verschwinden kann!“
„Hosenscheisser“, denkt Angie verachtungsvoll. Sein rüder Ton verletzt sie sehr.
Mühsam beherrscht macht sie auf kooperativ und lenkt ein: „Okay, okay, ich
beeile mich ja.“
„Micky! Miiickiilein! Bist du es?“
„Ja, Mama, ich habe
mein Handy vergessen und jetzt finde ich es nicht, ich brauche es aber dringend.
Hast du eine Idee, wo es sein könnte?“
„Einen Moment, Schätzchen, ich bin
gleich unten.“
Eilig lotst sie ihre Tochter in die Küche und redet überlaut
auf sie ein. Derweil macht sich Heiner klammheimlich durch die Hintertür davon.
Leider aber nicht leise genug. Micky horcht auf und geht zum Fenster. „Mama, da
war doch jemand?“
„Ach wo!“, zerstreut sie ihre Bedenken eilig. „Papa ist ja
weg, wer sonst sollte schon hier sein?“
Angies Kommentar wirkt trotz
unschuldigem Augenaufschlag nicht sehr überzeugend auf ihre Tochter. Sie kennt
ihre Mutter gut genug um zu ahnen, dass da etwas faul ist. „Komisch, ich bin
sicher, dass ich jemanden die Treppe herunterkommen hörte, der dann durch den
Garten davonrannte. Mir aber egal!“
Achselzuckend konzentriert sie sich
wieder auf die Suche.
„Leider ist es ausgeschaltet, sonst könntest du mich
anrufen und wir fänden es im Nu.“
„Hast du schon in der Jeansjacke, die du
gestern trugst, nachgeschaut?“
„Hey! Genial, klaro, dort ist es. Wo ist das
Teil?“
„Unten, in der Wäsche.“
Hastig stöckelt Micky nach unten. „Ständig
wäschst du meine Klamotten, selbst wenn sie es gar nicht nötig haben“, mault sie
und schnappt sich das Telefon, welches tatsächlich in der Jackentasche steckt,
„und bitte bügle mir die Jeans nie mehr, hast du verstanden? Nie mehr!
Bügelfalten sehen mega abgefuckt aus, richtig spiessig!“
„Darauf verzichte
ich noch so gerne“, gibt Angie beleidigt zur Antwort, „ich brauche ja nicht
darin herumzulaufen und mich zu schämen. Diese Mode ist eh schon scheusslich
genug, du hast recht, da kommt es auf ein paar Knitterfalten auch nicht mehr an.
Bei euch Jungen weiss man nie, ob ihr demnächst gänzlich ohne Hosen dasteht oder
nicht. Wie die halten, ist mir schleierhaft.“
„Brauchst du auch gar nicht zu
wissen, aber ich sehe, du bist noch lernfähig! Jetzt muss ich leider aber los!
Tschüss, bis heute Abend!“ Weg ist sie.
Aufatmend sinkt Angie auf einen Stuhl
und überlegt sich, ob sie Heiner anrufen soll.
„Ach, was soll’s“, denkt sie
plötzlich ärgerlich. „Der hat sicher wieder diese scheiss Combox drin. Er will
untertags nicht gestört werden! Männer sind ja so was von unentschlossen!
Aber den kriege ich schon noch weich. Eines Tages wird der nicht mehr kneifen.
Männern muss man immer etwas auf die Sprünge helfen. Heiner ist da keine
Ausnahme. Seine tugendhafte Lisa hat ihn schon jetzt halbwegs verloren. Es ist
nur noch eine Frage der Zeit.“
Zufrieden zündet sie sich eine Zigarette an
und raucht genüsslich. Dann macht sie sich summend ans Aufräumen im
Schlafzimmer, wo noch immer eine Spur von Heiners Geruch hängt
Vom Leben, von Hunden ... Hasen und verstauchten Zehen
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